Telematikinfrastruktur TI 2030: Abwarten ist keine Strategie

Ein Gastbeitrag von Frédéric Naujokat 4 min Lesedauer

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Die Telematikinfrastruktur steht vor ihrem bislang größten Umbau. Das Ziel: Mehr Stabilität durch Cloud-Komponenten, weniger Hardware und eine neue zentrale Plattform für den Betrieb. Jetzt kommt es auf die Umsetzung an, schreibt Frédéric Naujokat, Geschäftsführer von ehex, in seinem Gastbeitrag.

Telematikinfrastruktur: Der Wechsel vom stationären Konnektor zum TI-Gateway ist beschlossen.(Bild:  Gemini / KI-generiert)
Telematikinfrastruktur: Der Wechsel vom stationären Konnektor zum TI-Gateway ist beschlossen.
(Bild: Gemini / KI-generiert)

Mit dem „Konzept TI-Betriebsstabilität und Transformationsplan 2030" bestätigt die gematik: Die Telematikinfrastruktur muss einfacher, stabiler und moderner werden. Auch wenn Komponenten im Einzelfall sehr gut performen – das über die Jahre gewachsene Geflecht aus unterschiedlichen Konnektoren, VPN-Strukturen, Kartenterminals und TI-Fachanwendungen führt zu etlichen technischen Abhängigkeiten und leider auch zu Sollbruchstellen für die Stabilität der TI. Die Ausfallsicherheit der TI als Gesamtsystem ist nach wie vor zu gering. Dass die strukturellen Ursachen offen angesprochen und mit einem offiziellen Plan ins Visier genommen werden, ist überfällig. Alle, die täglich mit der TI arbeiten, verdienen es, dass wir uns mit einer Modernisierung der TI-Architektur auseinandersetzen.

Besonders die geplante Beschleunigung der TI 2.0 weist in die richtige Richtung: konnektorlose, cloud-basierte Zugänge, Zero-Trust-Sicherheit, digitale Identitäten und der schrittweise Rückbau der TI-1.0-Komplexität sind die Eckpfeiler für eine TI, die hardwareärmer und stabiler im Betrieb sein wird. Diese Grundrichtung ist vor allem für diejenigen genau richtig, die sich mehr Verlässlichkeit wünschen. Kontroverser wird es bei der Frage, wie viel Zentralisierung der Weg dorthin braucht. Denn zu viel davon kann den Wettstreit um die beste Lösung schwächen. Die Debatte um die Zentralisierung ist wichtig. Sie darf aber nicht den Blick darauf verstellen, dass die Grundrichtung stimmt. Wer sich bei dieser Faktenlage zukunftsfähig aufstellen möchte, braucht vor allem eines: Eine TI-Strategie, die auf das neue Zukunftsbild der TI abgestimmt ist. Abwarten, lohnt sich nicht.

Was der Transformationsplan bestätigt – und was neu ist

Wer den Transformationsplan liest, findet zunächst vieles, was die Branche bereits kennt: Der Wechsel vom stationären Konnektor zum TI-Gateway ist beschlossen, Die Zero-Trust-Architektur (ZETA) als konnektorloser Zugangsmechanismus ist angeschoben, PoPP und digitale Identitäten für Leistungserbringer sind auf dem Weg. Die Entwicklungen, die unter dem Begriff TI 2.0 längst angelaufen sind, bekommen allerdings einen verbindlicheren Rahmen und einen klareren Zeithorizont.

Neu ist die Ebene darunter. Im Rahmen eines Plattform-Ansatzes sollen die Backend-Dienste der TI auf einer souveränen, Open-Source-basierten Infrastruktur zusammengeführt werden. Die Folge sind weniger parallele Instanzen, weniger geteilte Verantwortlichkeiten und eine direktere Durchgriffsmöglichkeit für die gematik. Das nachvollziehbare Ziel ist mehr Stabilität durch weniger Komplexität. Nur, wie weit diese Konsolidierung gehen soll und was das für den Wettbewerb und die Innovationskraft bedeutet, das ist der Punkt, an dem sich viele in der Branche berechtigte Fragen stellen.

Wo begründete Skepsis angebracht ist

Der Weg zur zentralen TI-Plattform im Backend folgt einer gewissen Logik. Aber: Die Stabilitätsprobleme der TI hängen nicht allein an der Anzahl der Anbieter. Darauf hat auch der bvitg zu Recht hingewiesen. Zumal bereits heute vergleichbare TI-Komponenten unterschiedlicher Anbieter sehr große Unterschiede bei den Ausfallzeiten vorweisen. Während ein Anbieter monatelang ohne Ausfälle im Einsatz ist, kommt ein anderer auf Ausfallzeiten von mehreren Stunden im Monat. Solche Abweichungen sind keine Seltenheit. Die Fokussierung auf weniger Wettbewerb bedeutet also nicht zuletzt, dass Nutzerinnen und Nutzer der TI einem Klumpenrisiko ausgesetzt werden. Der Wechsel zu einer stabileren Alternative wäre nicht mehr möglich. Die Folge ist eine deutliche Schwächung der Marktmechanismen. Dazu kommt, dass auch die Qualität der technischen Spezifikationen, die wichtige Architekturentscheidungen vorwegnimmt, schon heute unabhängig von der Anzahl der Anbieter ist.

Das soll keine Fundamentalkritik am Transformationsplan sein. Aber es ist wichtig, dass wir den Zentralisierungsgedanken nicht als Allzweckwaffe missverstehen. Wer den Wettbewerb im Backend schrittweise abbaut, muss sicherstellen, dass Innovation und Investitionsbereitschaft nicht mit ihm verschwinden. Und wer mehr Steuerung beansprucht, übernimmt damit auch mehr Verantwortung – im Normalbetrieb, aber vor allem im Störungsfall. Dass dieser Plan aufgeht und wirklich zu mehr Stabilität führt, ist kein Automatismus. Deshalb ist es richtig, über diese Aspekte genauer nachzudenken. Am Ende ändern diese Fragen aber nichts an der positiven Grundrichtung der TI 2030. Ein „Weiter so“ mit etlichen historisch gewachsenen Abhängigkeiten und Komplexitäten wäre jedenfalls die klar schlechtere Alternative.

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Auf die Übergangsphase kommt es an

2030 ist näher, als es klingt. Denn fast alle Komponenten sollen schon in der Zwischenzeit vorbereitet und umgestellt werden. Die Roadmap liefert dafür ein Zielbild, aber keine finale Blaupause. Viele Spezifikationen und Migrationspfade fehlen noch. Gewissheit gibt es aber in die Richtung, die die TI nehmen wird: Bis 2030 werden bestehende TI-Zugänge und neue TI-2.0-Bausteine parallel laufen. TI-Gateways ersetzen Einboxkonnektoren, ZETA-Zugänge werden ausgerollt, digitale Identitäten etablieren sich, Cloud-Strukturen werden ausgebaut.

Diese Übergangsphase ist keine Zeit zum Aussitzen. Sie ist der Normalzustand der nächsten Jahre, der aktiv gestaltet werden will. Die Herausforderung besteht darin, den möglichst störungsfreien Betrieb der heutigen TI zu sichern und gleichzeitig alles auf die neue Zielarchitektur auszurichten. Wer heute Entscheidungen über TI-Anbindungen trifft, trifft sie mitten in einer laufenden Transformation. Das sollte aber nicht paralysieren. Sondern motivieren, zukunftsfähige Lösungen zu finden, die in Richtung TI 2.0 anschlussfähig sind.

Abwarten ist keine Strategie

Auf den Transformationsplan 2030 folgt kein Startschuss, der noch abzuwarten wäre. Die Richtung ist jetzt gesetzt und die ersten Bausteine sind bereits gelegt. Was jetzt zählt, ist die Umsetzung durch alle Beteiligten. Die Transformation der TI passiert nicht einfach, sie wird aktiv gestaltet. Das heißt: Hersteller bereiten die erforderlichen Lösungen vor während alle, die TI-Anbindungen planen, das mit einem starken Bewusstsein für neue Anforderungen tun. Im Fokus steht eine TI-Architektur, die migrationsfähig bleibt – also Cloud-ready, Identity-ready und hardwarearm. Jetzt ist die Zeit, um dafür die richtigen Weichen zu stellen.

Der Autor

Frédéric Naujokat ist Medizininformatiker mit Wurzeln im Ruhrgebiet sowie Gründer und Geschäftsführer der eHealth Experts GmbH (ehex). Mit großer Leidenschaft setzt er sich für sein Herzensthema ein: Die Digitalisierung des Gesundheitswesens.

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