Seit 1. Juli dürfen Apotheken assistierte Telemedizin anbieten. Stefan Göbel, Apotheker und Inhaber der Brücken Apotheke Heringen, und Dr. med. Thorsten Hagemann, Geschäftsführer Medivise und zuvor Leiter der Stabsstelle eHealth der KV Nordrhein, sprechen über die bisherigen Erfahrungen und geben Tipps.
Die Apotheken weiten ihre Gesundheitsservices aus und bieten nun auch assistierte Telemedizin (aTM) an.
(Bild: Gemini / KI-generiert)
Welches Feedback erhalten Sie zur assistierten Telemedizin aus den Apotheken?
Apotheker Stefan Göbel
(Bild: Privat)
Göbel: Ich stecke selbst noch mittendrin. Wir haben Mitte Mai angefangen, vor dem bundesweiten Vergütungsstart, und sind bei unserem Warenwirtschaftsanbieter Pilotbetrieb für die technische Anbindung. Das gehört dazu, wenn man mich zu dem Thema fragt. Von Kolleginnen und Kollegen kommen meist dieselben Fragen, die ich mir selbst gestellt habe: Welche Patienten können die Leistung nutzen, wie läuft die Ersteinschätzung, wie wird abgerechnet? Und ganz oft: Wie bekomme ich mein Team dazu, das aktiv anzubieten? Ich sage dann ganz offen, dass noch viel Pionierarbeit zu leisten ist. Das schreckt manche ab. Mich treibt genau das an.
Thorsten Hagemann, CEO Medivise
(Bild: Medivise / Christoph Voy)
Hagemann: Viele Apotheken sehen die Chance, Patienten auch beim Zugang zu ärztlicher Versorgung zu unterstützen. Gleichzeitig wird deutlich, dass eine Videosprechstunde allein noch keine assistierte Telemedizin ist. Es handelt sich um ganz neue Versorgungsprozesse, die es so in der Apotheke noch nicht gab. Daher sind auch viele Apotheken zunächst zögerlich. Die Apotheken fragen zu Recht nach dem Ablauf davor und danach: nach Ersteinschätzung, Datenschutz, ärztlicher Auswahl, Dokumentation und Abrechnung, aber auch nach Haftungsfragen. Gefragt ist nicht einfach eine Kamera, sondern eine rechtssichere und praktikable Lösung für die gesamte Prozesskette. Man spürt den Gestaltungswillen der Apotheken, sich in den neuen Versorgungskonzepten zu emanzipieren.
Wo liegen die Probleme und was läuft gut?
Göbel: Die größte Hürde war, ehrlicherweise überraschend für mich, das eigene Team. Ich hatte mich monatelang mit dem Thema beschäftigt, mein Team hatte diesen Vorlauf nicht. Assistierte Telemedizin muss im Kopf anfangen, und damit ist sie vor allem Change Management. Die zweite Hürde sind die Schnittstellen. Unsere TI-Anbindung läuft über den Warenwirtschaftsanbieter und kostet Abstimmung, Zeit und Nerven. Gut läuft, dass die Rollen klar sind. Wir assistieren, der Arzt beurteilt und behandelt. Diese Assistenz ist der Kern der Leistung, die Technik nur das Werkzeug. Und wenn ich ganz ehrlich bin, gehört auch das dazu: diese kleine Unsicherheit, ob man gerade etwas Schlaues macht oder etwas furchtbar Dummes. Die verschwindet erst mit jedem Patienten, dem man tatsächlich helfen konnte.
Hagemann: Die größte Herausforderung liegt aktuell im Zusammenspiel der Beteiligten. Apotheke, elektronisches Ersteinschätzungssystem, Arzt, Videodienst und Krankenkasse haben jeweils eigene Aufgaben und Verantwortlichkeiten. Diese sind eigentlich klar geregelt, sollten aber ohne Systemprotektionismus auch transparent sein. Durch einen neuen Absatzmarkt gibt es mehr Anbieter als zuvor. Das macht die Unterscheidung von Qualität, Sicherheit und Nachhaltigkeit für Apotheken schwer. Die Leistungsversprechen müssen gehalten werden. Gut ist, dass der rechtliche Rahmen die Patientensicherheit in den Vordergrund stellt. Bei unbekannten Patienten steht die strukturierte Ersteinschätzung vor der Videosprechstunde. Die Aufgaben von Apotheke und Arzt sind klar getrennt. Und wenn ein Patient nicht per Video behandelt werden kann, kann eine geeignete weitere Versorgung sichergestellt werden. Damit sind die wesentlichen medizinischen Anforderungen beschrieben. Diejenigen Patienten, die wir bereits behandelt haben, sind durchweg begeistert von der neuen Möglichkeit, einen weiteren Anlaufpunkt für medizinische Expertise nutzen zu können. Jetzt geht es darum, sie flächendeckend in verlässliche Abläufe zu übersetzen.
Wenn eine Apotheke einsteigen will, worauf muss sie achten?
Göbel: Erstens: Bindet euer Team von Anfang an ein. Das war meine wichtigste Lehre. Change Management funktioniert nicht im Nachhinein. Zweitens: Wartet nicht auf perfekte Bedingungen. Es braucht einen ruhigen, diskreten Raum, keine Baustelle. Wer erst startet, wenn alles geklärt ist, startet nie. Drittens: Denkt vom Patienten aus, nicht von der Vergütung. Die Frage ist, welche Versorgungslücke ihr vor Ort schließen könnt. Und achtet auf die freie Arztwahl. Auch lokale Praxen sollten sich anschließen können. So wenig, wie die Ärzte in Konzernstrukturen rutschen wollen, so wenig wollen wir Apotheker das.
Stand: 08.12.2025
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Hagemann: Die Apotheke sollte nicht mit der Frage beginnen, welchen Computer sie kauft. Zuerst muss geklärt werden, wie der Versorgungsprozess im Alltag ablaufen soll. Soll eine Begleitung der Patienten angeboten werden? Wie ist demnach die strukturierte Ersteinschätzung einzubinden? Was geschieht mit Patienten, für die eine Videosprechstunde nicht geeignet ist? Wer dokumentiert und rechnet die Leistung ab? Hinzu kommen ein vertraulicher Raum, eingewiesenes Personal und klare Regeln im Qualitätsmanagement. Auch die Technik muss hinsichtlich IT- und Informationssicherheit geschützt sein. Der neue Versorgungsprozess findet in der Verantwortungsdomäne der Apotheke statt. Sie muss ihr Angebot so aufsetzen, dass sie gesetzliche Vorgaben lückenlos einhält, da sonst Retaxierungen drohen können. Des Weiteren besteht die gesetzliche Pflicht, eine klare Trennung zwischen ärztlichen und pharmazeutischen Tätigkeiten einzuhalten, da sonst vor allem Haftungsrisiken entstehen. Außerdem sollten Apotheken auf die freie Arztwahl achten. Eine Lösung sollte nicht ausschließlich an einen ärztlichen Anbieter gebunden sein, sondern unterschiedliche ärztliche Partner und zertifizierte Videodienste einbinden können, da der Behandlungspfad stets von der Indikation abhängen sollte. Hier gelten aufseiten der Vertragsärzte zudem Regeln, die auf lokale Versorgungskonzepte abzielen, da nur so im Fall einer notwendigen Anschlussbehandlung strukturierte Angebote geschaffen werden können. Assistierte Telemedizin ist kein Laptop-Projekt. Sie ist eine neue, regulierte Leistung.
Bleibt assistierte Telemedizin ein Nischenangebot?
Göbel: Für mich war nie die Frage, ob sie kommt, sondern wer sie anbietet. Machen wir Apotheken es nicht, machen es die Drogerieketten und, schlimmer noch, ausländische Logistiker. Wirtschaftlich sollte sich niemand etwas vormachen. Die Pauschale liegt bei 30 Euro und sinkt ab dem vierten Jahr auf 21,50. Wer heute einen umständlichen Ablauf baut, rechnet in drei Jahren nicht mehr. Entscheidend ist nicht die Größe der Apotheke, sondern wie einfach der Vorgang organisiert ist.
Hagemann: Der Versorgungsbedarf der kommenden Jahre wird nicht mit Nischenangeboten in nur einigen Apotheken auskommen. Wir werden gesellschaftlich auf solche Touchpoints mit nichtärztlichen und teleärztlichen Angeboten angewiesen sein. Die zurzeit verankerte Anschubfinanzierung soll die Investitionen lohnenswerter machen. Wenn aber die einzelne Apotheke Technik, Ersteinschätzung, Arztzugang, Datenschutz und Abrechnung selbst zusammensetzen muss und das IT-, Datenschutz- und Versorgungsrisiko allein tragen soll, werden sich nur wenige darauf einlassen. Wenn die Abläufe einfach und verlässlich organisiert sind, wird das Angebot auch in kleineren Apotheken funktionieren. Heute müssen wir unseren Kunden noch sehr viel zu den Neuerungen und deren Auswirkungen auf die medizinische Versorgung erklären. Mit weiteren Angeboten und fortschreitender Durchdringung werden auch das Wissen über und die Sicherheit im Umgang mit dem Thema wachsen, sodass mehr und mehr Apotheken dann aTM anbieten werden. Assistierte Telemedizin ist bewusst nicht für jeden Patienten vorgesehen. Sie richtet sich insbesondere an Menschen, die kein geeignetes Endgerät haben oder Unterstützung bei der Nutzung eines digitalen Angebots benötigen. Das ist eine klar abgegrenzte, aber relevante Patientengruppe. Wir erreichen Menschen, die zuvor gar keinen Zugang zu dieser digitalen Versorgungsform hatten und stattdessen bei Niedergelassenen oder in Klinikambulanzen wichtige ärztliche Ressourcen gebunden hätten.
Wohin entwickelt sich die Rolle der Apotheken?
Göbel: Dazu muss man unsere Versorgungsrealität kennen. Der Altersdurchschnitt liegt bei uns bei knapp 49 Jahren, im Bund bei 44. Die Arztstruktur altert mit, die nächste Notaufnahme ist 35 Kilometer entfernt. Dann bleibt oft nur: aushalten oder die 112. Wir sehen täglich Menschen, die ärztlich versorgt werden müssten und trotzdem keinen Termin bekommen. Die können wir jetzt abfangen. Anfang August rief eine Patientin mit einer Lappalie an einem Samstag an; nach der Ersteinschätzung in der Box lag das E-Rezept auf ihrer Karte. Sie sagte uns, sie wäre sonst aufgeschmissen gewesen. Das ersetzt keine Praxis, und das soll es nicht. Aber die Vor-Ort-Apotheke hat nur dann eine Zukunft, wenn sie neue Versorgungsaufgaben aktiv annimmt, statt darauf zu warten, dass andere sie übernehmen.
Hagemann: Apotheken werden keine Arztpraxen. Sie können aber zu Orten werden, an denen Menschen digitale Angebote nutzen können, zu denen sie sonst keinen oder nur schwer Zugang hätten. Und das an einem Ort, dem sie seit jeher vertrauen. Gerade ältere Menschen, technisch unsichere Patienten oder Menschen ohne geeignetes Endgerät benötigen nicht nur eine Anwendung, sondern auch einen erreichbaren Ort und Unterstützung. Apotheken werden sich weiterentwickeln können, um als Gesundheits-Hub umfassende Gesundheitsangebote zu schaffen. Nicht für alle diese Angebote werden Ärzte benötigt, bei anderen werden sie zugeschaltet. So werden hybride Konstellationen entstehen, bei denen das Zusammenspiel zwischen Pharmazeuten, Medizinern sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten harmonisiert werden muss, damit Versorgungswege einheitlicher und effektiver gesteuert werden können. Nur so lässt sich die Versorgung der Gesellschaft auf angemessenem Niveau überhaupt gewährleisten. Künftig werden weitere telemedizinische Leistungen in Modellprojekten hinzukommen. Wir arbeiten bereits daran. Hier werden delegierbare Leistungen dann durch nichtärztliche Personen durchgeführt. Zukünftig wird der Datenzugriff ortsunabhängig sein, weshalb die Rolle der ePA noch einmal stärker in den Fokus rücken wird. Um die wachsende Informationsmenge für die einzelnen Behandelnden beherrschbar zu machen, werden KI-basierte Systeme hinzukommen müssen. Gerade bei der Dokumentation und Konsolidierung von Informationen wird es ohne KI nicht gehen. Deshalb sollten Apotheken heute darauf achten, dass sich ihre technische Lösung später erweitern und mit unterschiedlichen Partnern verbinden lässt. Wir sprechen von einem mittel- bis langfristigen strukturellen Transformationsprozess, nicht von einer kurzfristigen Anpassung.
Voraussetzungen für assistierte Telemedizin
Was braucht es, um als Apotheke assistierte Telemedizin (aTM) anzubieten? Kurz gesagt: Ein Notebook mit Kamera genügt nicht. Der DAV-Technikleitfaden verlangt einen Telemedizin-Rechner außerhalb des Apothekennetzes, eine Webseiten-Whitelist, gesperrte USB-Anschlüsse und die zuverlässige Löschung sämtlicher versichertenbezogener Daten nach jeder einzelnen Nutzung.
Zur Orientierung bietet Medivise ein kostenfreies Whitepaper an, das diese Anforderungen einordnet.