Blick in die Praxis Eine Hausarztpraxis digitalisiert sich

Ein Gastbeitrag von Dr. med. Matthias Hempel 5 min Lesedauer

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Digitalisierung wurde in Arztpraxen lange vor allem als zusätzliche Aufgabe wahrgenommen. Inzwischen zeigt sich: Richtig eingesetzt, kann sie die Arbeit spürbar erleichtern. Dr. med. Matthias Hempel berichtet, wie seine hausärztlich-internistische Gemeinschaftspraxis in Detmold Videosprechstunden, Homeoffice, digitale Signaturen und sichere Kommunikationswege nutzt.

Wer die digitale Transformation klug nutzt, kann sie zum eigenen wirtschaftlichen und medizinischen Vorteil einsetzen.(Bild: ©  fotodesignart – stock.adobe.com)
Wer die digitale Transformation klug nutzt, kann sie zum eigenen wirtschaftlichen und medizinischen Vorteil einsetzen.
(Bild: © fotodesignart – stock.adobe.com)

In unserer Gemeinschaftspraxis arbeiten neun Ärztinnen und Ärzte. Sie haben wie viele Praxen eine mehr oder minder mühsame Digitalisierung hinter sich – von der Anbindung an die Telematikinfrastruktur über die ersten Versuche mit Videosprechstunden und die Einführung des E-Rezepts bis hin zur Befüllung der ePA. Inzwischen jedoch sind viele digitale Prozesse etabliert und laufen stabil. Was vorher auch uns selbst nicht in diesem Ausmaß klar war, zeigt sich nun: Die Praxis zieht Nutzen daraus.

Flexibles Arbeiten und mehr Verlässlichkeit bei Terminvergabe

Sieben von neun Ärzten erledigen regelmäßig einen Teil ihrer Aufgaben im Homeoffice. Ich selbst verbringe derzeit ungefähr 20 Prozent meiner Arbeitszeit zu Hause. Die persönliche Untersuchung bleibt zwar ein wesentlicher Teil der hausärztlichen Versorgung. Viele Aufgaben setzen die Anwesenheit in der Praxis jedoch nicht voraus. Dazu gehören Befundbesprechungen, Nachsorgetermine, Arztbriefe sowie Renten- und Schwerbehindertenanträge. Auch Rückfragen von Kolleginnen und Kollegen sowie administrative Aufgaben lassen sich von zu Hause bearbeiten. Zu Hause am Schreibtisch lässt sich diese Arbeit zudem oft konzentrierter und schneller erledigen, weil die häufigen Unterbrechungen des Praxisbetriebs wegfallen. Auch unsere medizinischen Fachangestellten können bestimmte Tätigkeiten von zu Hause übernehmen. Mit Laptop und Cloud-Telefonanlage bleiben sie unter der Praxisnummer erreichbar und koordinieren beispielsweise Termine oder bearbeiten E-Mails.

Homeoffice schafft aber nicht nur Flexibilität, sondern auch Verlässlichkeit für Patientinnen und Patienten. Fällt etwa kurzfristig die Kinderbetreuung aus, können die Kollegen trotzdem dringend anstehende Aufgaben erledigen. Über die Videosprechstunde sind auch Patientengespräche von zu Hause aus möglich. Termine müssen nicht automatisch abgesagt werden, sondern können medizinischer Prüfung per Video stattfinden. Rund die Hälfte unserer Video-Termine buchen Patienten selbst, die andere Hälfte stoßen wir an.

Ein Selbstläufer ist das Angebot allerdings nicht. Wir weisen aktiv darauf hin, wenn eine Videosprechstunde für ein Anliegen geeignet ist. Patienten erhalten dann per E-Mail oder SMS einen Link und starten die Sprechstunde mit wenigen Klicks. Zudem bieten wir einen Video-Termin häufig innerhalb weniger Tage an, während ein Termin vor Ort mitunter deutlich mehr Vorlauf benötigt.

Patientinnen und Patienten sind zunächst zurückhaltend. Aber nach dem ersten Termin schwindet die anfängliche Skepsis meist schnell. Viele schätzen, dass Anfahrt und Wartezeit entfallen.

Weniger Andrang und bessere Versorgung

Da viele Patientenkontakte nicht mehr zwingend in den Praxisräumen stattfinden, ist der Praxisalltag deutlich ruhiger geworden. Am Empfang gibt es seltener eine Schlange, das Wartezimmer und die Gänge zwischen den Behandlungszimmern sind leerer. Das bedeutet Entlastung für das gesamte Team. Es kann sich besser um die Patienten kümmern, die tatsächlich vor Ort sein müssen.

Zudem haben wir die Erfahrung gemacht, dass Videosprechstunden in der Regel fokussierter verlaufen. Der Termin dauert kürzer, bei gleichbleibender Qualität. Wir können mehr Termine ohne zusätzliche personelle Belastungen anbieten, die Versorgung wird besser.

Finanzielle Vorteile

Dieser Effekt ist auch wirtschaftlich relevant. Zum einen betrifft dies die Abrechnung der Videosprechstunde. Nach EBM-Ziffer 01450 ergibt sich ein Technikzuschlag von 5,10 Euro. Wirtschaftlich noch interessanter sind allerdings die sinkenden Fixkosten, vor allem durch einen geringeren Raumbedarf für die Praxis. Vor Einführung der Videosprechstunde waren unsere Räume stark ausgelastet. Eine Erweiterung am Standort war nicht möglich. Ein Umzug hätte erheblichen Aufwand und höhere Fixkosten verursacht. Mit digitalen Terminen konnten wir einen Teil des zusätzlichen Bedarfs auffangen und die vorhandene Fläche weiter nutzen.

Direkter fachlicher Austausch

Rückfragen zu Arztbriefen oder Konsultationen mit Kolleginnen bei besonders kniffligen Fällen können zeitaufwändig sein. Und ein Großteil dieser Zeit geht in der Informationsvermittlung verloren, weil der Kollege gerade nicht unmittelbar erreichbar ist. Mit digitalen Kommunikations-Anwendungen innerhalb der TI gelingt es deutlich reibungsloser. Über KIM, der E-Mail-Funktion, lassen sich größere Dateien oder weniger dringende Anliegen, verschicken. Mit TIM, dem Messengerdienst, ist das Gleiche für kurze Rückfragen oder dringende Fälle möglich. Ein Beispiel sind reine Blickdiagnosen, etwa ein Zeckenbiss. Sie sind per mitgeschicktem Bild unkompliziert abklärbar. Dabei ist es nahezu unerheblich, wo der Kollege oder die Kollegin sich gerade aufhält, ob im Homeoffice, auf Hausbesuch oder in einer anderen Praxis.

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So gelingt die Umstellung

Neben ePA, eRezept und Telematikinfrastruktur, die inzwischen zu den verpflichtenden Grundlagen einer Praxis gehören, sind weitere Voraussetzungen nötig, damit die digitale Vernetzung ihren vollen Nutzen entfalten kann. Die dafür erforderlichen Lösungen sind mittlerweile gut verfügbar:

  • Fernzugriff auf das PVS: Moderne Praxisverwaltungssysteme ermöglichen über VPN oder Terminal-Server den Zugriff auf Patienteninformationen und Verwaltungsfunktionen.
  • In das PVS integrierte Telemedizin-Anwendung: Auch Videosprechstunden sind mittlerweile in viele Systeme integriert. Für jede Videosprechstunde gibt es einen Technikzuschlag, sodass in der Regel keine zusätzlichen Kosten entstehen.
  • Abschließbares Arbeitszimmer: Wer von zu Hause aus mit Patienten spricht oder Patientendaten verwaltet, braucht einen geschützten Raum, in dem Vertraulichkeit gewährleistet ist.
  • Zugriff auf die Telematikinfrastruktur: Dieser muss auch von zu Hause aus möglich sein, damit Patienten abschließend behandelt sowie beispielsweise Rezepte und Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ausgestellt oder Arztbriefe signiert werden können. Wir nutzen dafür ein PIN-Pad von CHERRY Digital Health. Es lässt sich mit dem eHealth-Terminal in der Praxis koppeln und fungiert anschließend gewissermaßen als Fern-Tastatur für die Eingabe der PIN. Für diese konkrete Anwendung steht uns derzeit keine vergleichbare Alternative zur Verfügung.
  • Sicherer Messenger-Dienst: Sensible Informationen gehören nicht in private Messenger-Dienste. Für kurze Rückfragen und den Austausch vertraulicher Informationen sollte daher ein datenschutzkonformer und rechtssicherer Messenger genutzt werden, der in die TI eingebettet ist.

Unsere Erfahrung zeigt: Digitalisierung ist mittlerweile keine reine Pflichtveranstaltung mehr. Mit den richtigen Anwendungen und ihrem passenden Zusammenspiel entsteht ein praktischer Nutzen, der Praxisteams ebenso zugutekommt wie Patientinnen und Patienten.

Der Autor
Dr. med. Matthias Hempel ist seit 2007 niedergelassener hausärztlicher Internist. Er leitet die hausärztlich-internistische Gemeinschaftspraxis Paulinenstraße in Detmold mit insgesamt neun Ärztinnen und Ärzten.

Bildquelle: HALEO

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