Rund 1,8 Millionen Menschen leben in Deutschland mit Demenz, die meisten von ihnen zu Hause. Die Hauptlast tragen Angehörige; sie nehmen professionelle Hilfe deutlich seltener in Anspruch, als ihre Belastung vermuten ließe. Digitale Angebote sollen diese Lücke nachhaltig schließen.
Von links: Shilu Mistry und Katharina Volkmer (Nui Care), Judith Amri Zai, Isabelle Henn, Nelli Hennig, Anja Kälin (Desideria).
(Bild: Desideria e. V.)
Zur Woche der Demenz vom 21. bis 27. September 2026 bündeln die Münchner Nui Care GmbH und der gemeinnützige Verein Desideria Care e. V. ihre Angebote für pflegende Angehörige. Die Kooperation verbindet eine Pflege-App mit der Beratungsexpertise eines Demenz-Vereins.
Was die Partnerschaft umfasst
Die beiden Organisationen kündigen drei Bausteine der Zusammenarbeit an. Erstens gemeinsame Ratgeberinhalte, die über die Nui-App ausgespielt werden. Zweitens Checklisten für konkrete Situationen – etwa zur Vorbereitung auf die Begutachtung durch den Medizinischen Dienst oder zum Umgang mit demenzbedingten Verhaltensänderungen. Drittens gemeinsame Aufklärungsaktionen.
Den Auftakt bildet Desiderias Open-Air-Fotoausstellung „Demenz neu sehen“ vom 18. bis 28. September 2026 am Willi-Daume-Platz im Münchner Olympiapark. Nui Care ist am Welt-Alzheimertag, dem 21. September, mit einem eigenen Stand auf dem „Markt der Möglichkeiten“ vertreten. Die Woche der Demenz steht in diesem Jahr unter dem Motto „Demenz – (k)eine Frage des Alters“.
„Pflegende Angehörige brauchen ihre Kraft und Zeit für die Menschen, die sie begleiten – nicht für zeitraubenden Papierkram und Bürokratie“, sagt Katharina Volkmer, Chief Innovation Officer bei Nui Care.
Desideria Care bringt etablierte Angebote ein: kostenfreie Angehörigenseminare nach dem Konzept „EduKation demenz®“, eine Online-Demenzsprechstunde, moderierte Angehörigengruppen sowie „Demenz Buddies“ für junge Angehörige zwischen 16 und 26 Jahren. „Die Kooperation mit Nui Care ist für uns ein wichtiger Schritt, digitale Hilfen, fundiertes Wissen und praktische Unterstützung noch einfacher und schneller zugänglich zu machen“, sagt Anja Kälin, geschäftsführende Vorständin von Desideria Care e. V.
Hohe Belastung, niedrige Inanspruchnahme
Der Bedarf selbst sei gut dokumentiert. Laut Deutscher Alzheimer Gesellschaft lebten in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz, davon etwa 1,7 Millionen ab 65 Jahren. Bis 2050 rechne die Gesellschaft gar mit 2,3 bis 2,7 Millionen Betroffenen. Die jährlichen Neuerkrankungen ab 65 Jahren schätze sie auf 364.000 bis 445.000 – das entspreche 1.000 bis 1.200 neuen Fällen pro Tag.
Versorgt wird dabei überwiegend zu Hause. Nach der jüngsten amtlichen Pflegestatistik Stand Ende 2023 werden 4,89 Millionen der knapp 5,7 Millionen Pflegebedürftigen häuslich betreut, rund 3,1 Millionen ausschließlich durch Angehörige.
Die Belastung der pflegenden Angehörigen fällt entsprechend hoch aus. Im Bayerischen Demenz Survey berichteten 68 Prozent der befragten Angehörigen eine moderate bis sehr schwere Belastung, 29 Prozent eine sehr schwere. Auffällig ist die Diskrepanz zur Inanspruchnahme professioneller Hilfe. Lediglich ein Drittel nutzt ambulante Pflege, 14 Prozent der Angehörigen nehmen das Angebot einer Tagespflege wahr und nur 10 Prozent greifen auf ambulante Betreuungsdienste zurück. Genau in diese Lücke zielen niedrigschwellige digitale Angebote.
Der Nutzennachweis fehlt häufig
Ob sie sie schließen, ist offen. Eine Untersuchung von digiDEM Bayern an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg bewertete 2023 deutschsprachige Demenz-Apps. Das Ergebnis war ambivalent. Nur bei rund 30 Prozent lagen überhaupt wissenschaftliche Studien vor, die Nutzerqualität war im Mittel allenfalls durchschnittlich.
Hinzu kommt ein Kompetenzproblem. In einer Befragung unter pflegenden Angehörigen fiel es 69,3 Prozent schwer, die Zuverlässigkeit digitaler Gesundheitsinformationen allumfassend einzuschätzen. 67 Prozent konnten kommerzielle Einflussnahme kaum erkennen.
Ein Befund stützt allerdings das Modell, das Nui Care und Desideria verfolgen. Projekte wie DiVa zeigen, dass 85 bis 90 Prozent der Teilnehmenden eine gut eingeführte App weiternutzen wollen. Am besten war dabei die Kombination aus digitaler Anwendung und persönlicher Begleitung durch eine Pflegefachkraft bewertet worden. Eine messbare Entlastung ließ sich jedoch nicht durchgängig statistisch absichern.
Stand: 08.12.2025
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Die DiPA bleibt eine leere Hülle
Die Nui-App kostet derzeit knapp unter 10 Euro monatlich. Kostenfrei ist sie nur für Versicherte der AOK Bayern, der DAK-Gesundheit sowie der privaten Krankenversicherung der Allianz.
Der ursprünglich vorgesehene Weg bleibt ungenutzt. Im DiPA-Verzeichnis des BfArM ist bis heute keine einzige Digitale Pflegeanwendung gelistet. Seit Juli 2026 ist eine vorläufige Aufnahme für bis zu ein Jahr möglich, zudem kann die Entlastung pflegender Angehöriger als pflegerischer Nutzen anerkannt werden. Erstattet werden bis zu 40 Euro monatlich für die Anwendung selbst und bis zu 30 Euro für ergänzende Unterstützungsleistungen. Herstellerverbände kritisieren seit Jahren bürokratische Antragsverfahren und eine zu niedrige Vergütung.
Die Kooperation findet zu einem strategisch wichtigen Zeitpunkt statt. Schließlich endet zum Ende des Jahres die 2020 beschlossene Nationale Demenzstrategie. Bei einem Monitoring 2025 wurden rund die Hälfte der 166 Maßnahmen als abgeschlossen ausgewiesen, ein weiteres Drittel als in Umsetzung. Die Gesundheitsministerkonferenz sprach sich bereits im vergangenen Jahr für eine Fortführung der Strategie aus.