WearablesWarum wir uns so gern selbst vermessen – trotz Risiken
Quelle: dpa
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10.000 Schritte pro Tag, siebeneinhalb Stunden Schlaf und sogar genug getrunken. Bunte Balken auf dem Smartphone geben uns den Eindruck: Wir haben unser Leben im Griff – aber ist das wirklich so?
Für viele Menschen ist der Griff zum Smartphone mittlerweile zum integralen Bestandteil der Morgenroutine geworden. Wie habe ich geschlafen? Wie ist es um die Sauerstoffsättigung des Bluts bestellt? Brüte ich etwa einen Infekt aus? Wearables können den Alltag erleichtern – oder ihn auch vereinnahmen.
(Bild: Gemini / KI-generiert)
Wie viel Tiefschlaf hatte ich in der letzten Nacht? Habe ich heute die 10.000 Schritte geschafft? Und wie viele Kalorien hat eigentlich das letzte Workout verbrannt? Diese Messdaten und Statistiken üben auf viele von uns eine große Faszination aus. In einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom gaben im vergangenen Jahr 73 Prozent der Befragten an, mit Apps ihre Fitness, Ernährung und allgemeines Wohlbefinden zu unterstützen. 43 Prozent nutzten Tracking-Apps wie Apple Health, Google Fit oder Health Connect, die auch mit externen Trackern oder sogenannten Wearables wie Fitness-Uhren gekoppelt werden können.
Unter Frauen sind auch Apps beliebt, mit denen der eigene Menstruationszyklus getrackt wird. Darin gibt man Daten zur Blutung oder auch zur Körpertemperatur an. Manche nutzen dies zur Verhütung oder der Bestimmung von fruchtbaren Tagen, andere richten danach ihre Ernährung oder ihr Sportprogramm aus – ein Trend, der unter dem Schlagwort „Cycle Syncing“ bekannt ist.
Bezahlt wird mit den eigenen Daten
Viele der Tracking-Apps sind kostenlos. Als Nutzer oder Nutzerin bezahlt man jedoch mit seinen Daten. Im Fachblatt „British Medical Journal“ warnen Forschende nun, die Nachteile – explizit von Apps zum Tracking des Menstruationszyklus – könnten die Vorteile überwiegen. So sei der Schutz von sensiblen Gesundheitsinformationen gefährdet und es gebe Risiken für unerwünschte Überwachung sowie verschwendete Zeit und Mühe.
„Diese Apps haben das Potenzial, das Wohlbefinden von Frauen und Mädchen in großem Umfang zu beeinflussen. Es fehlen jedoch Belege dafür, dass diese digitalen Tools tatsächlich bei der Bewältigung von Menstruationsbeschwerden helfen, die Gesundheit fördern und Einblicke in die Bewegungs- und Ernährungsbedürfnisse liefern können“, warnen Katharine Lee von der Tulane University in New Orleans und ihre Kollegen in ihrem Beitrag. Die Forschung in den Sportwissenschaften habe nicht allgemein belegen können, dass die Zyklusphasen von Frauen einen signifikanten Einfluss auf Performance oder Verletzungsrisiko haben. Selbst wenn es solche Fluktuationen gebe, könne einfaches digitales Tracking sie nicht zuverlässig vorhersagen.
Das Paradox von Bewusstsein und Trotzdem-Nutzen
Das Bewusstsein für das Datenschutz-Problem ist bei Nutzern durchaus ausgeprägt, wie eine Studie von 2025 aus dem Journal „Oxford Open Digital Health“ belegt: In Befragungen, die Forschende der University Swansea in Wales für die Studie durchführten, waren viele Nutzerinnen von Menstruations-Tracking-Apps der Meinung, die Anwendungen würden mehr Daten sammeln als notwendig. Trotzdem war die Bereitschaft, die Dienste weiterzunutzen, hoch. Das beschreiben die Wissenschaftler als Privacy Paradox. Damit wird das Phänomen beschrieben, dass Menschen ein Angebot nutzen, obwohl sie eigentlich Bedenken mit Blick auf Privatsphäre haben.
Der Soziologe und Transformationsforscher Stefan Selke von der Hochschule Furtwangen sieht neben dem mangelnden Datenschutz noch ein weiteres großes Problem: „Was ich viel problematischer finde, ist die Datenqualität.“ Gerade bei gesundheitlichen Anwendungen, beispielsweise Herzfrequenzmessungen oder Schlafüberwachung, stelle sich die Frage: „Misst diese Anwendung, was sie messen soll? Wie gut ist die empirische Qualität? Ist die Messung valide? Ist sie reliabel? Ist sie objektiv? Das ist in ganz vielen Fällen nicht der Fall. Das bedeutet, die Datenqualität ist schlecht.“
Das mache es für Nutzer sehr schwierig, die Informationen einzuschätzen. Schicke Oberflächen mit Grafiken und Tabellen gäben den Anschein von Objektivität. „Und trotzdem interpretieren wir das ja als Nutzerinnen und Nutzer, wir leiten daraus Handeln oder Unterlassen ab. Und das ist prinzipiell gefährlich. Es kann zu Überdiagnosen oder Fehldiagnosen kommen und Ängste auslösen.“
Stand: 08.12.2025
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