Nutzen, Förderung, Hemmnisse Nachhaltige IT im Krankenhaus

Ein Gastbeitrag von Julius Winterhalter, René Schubert & Ronny Gebhardt 7 min Lesedauer

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Eine unter 50 deutschen Krankenhäusern online durchgeführte Umfrage der Deutsche Krankenhaus TrustCenter und Informationsverarbeitung GmbH (DKTIG) zeigt ein heterogenes Bild der nachhaltigen Transformation in der Krankenhaus-IT.

Förderprogramme oder andere finanzielle Anreize sind laut Umfrage ein wichtiger Hebel  für stärkere Aktivitäten im Bereich nachhaltiger IT.(Bild:  Canva / KI-generiert)
Förderprogramme oder andere finanzielle Anreize sind laut Umfrage ein wichtiger Hebel für stärkere Aktivitäten im Bereich nachhaltiger IT.
(Bild: Canva / KI-generiert)

Spätestens mit Umsetzung des Krankenhauszukunftsgesetzes und den damit verknüpften Förderprogrammen treiben die Krankenhäuser die Digitalisierung der Prozesse voran. Die Ergebnisse der Befragung sprechen hinsichtlich einer damit einhergehenden Nachhaltigkeit weniger für eine feste Verankerung der Thematik als für ein Entwicklungsfeld.

Die Mehrheit der befragten Häuser sieht nachhaltige IT nicht als strategisches Zielbild, sondern als eine Sammlung einzelner Aktivitäten ohne gemeinsamen Rahmen. Zugleich bleibt der Anteil der Krankenhäuser, die nachhaltige IT bereits in größere Zusammenhänge einordnen, sehr klein. Die Einbindung in übergreifende Konzepte fehlt fast vollständig. Und in mehr als jedem fünften Haus spielt das Thema nach eigener Aussage noch gar keine Rolle.

Nachhaltige IT ist in vielen Krankenhäusern sichtbar, aber meist noch nicht so weit entwickelt, dass sie als eigenständiges Handlungsfeld mit klarer Zuständigkeit und Zielrichtung beschrieben werden könnte.

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Nachhaltigkeit passiert – aber sie heißt häufig nicht so

Viele IT-Abteilungen modernisieren ihre Rechenzentren, virtualisieren Server oder verlängern Lebenszyklen eingesetzter Hardware – meist aus Effizienzgründen. Dass diese Maßnahmen gleichzeitig klassische Green-IT-Ansätze sind, wird dabei begrifflich häufig gar nicht so benannt.

Ein genauer Blick auf die Antworten zeigt ein interessantes Muster. Mehrere Krankenhäuser geben an, derzeit keine gezielten Nachhaltigkeitsmaßnahmen in der Krankenhaus-IT umzusetzen, berichten gleichzeitig aber von einzelnen Aktivitäten wie Energieeffizienzmaßnahmen oder Prozessdigitalisierung. Insgesamt nennen sieben Einrichtungen gleichzeitig „keine gezielten Maßnahmen“ und „Einzelmaßnahmen“. Das deutet darauf hin, dass Aktivitäten mit Nachhaltigkeitsbezug nicht immer bewusst als solche eingeordnet werden. Offenbar wird in vielen Häusern bereits zwischen allgemeinen Effizienzaktivitäten und ausdrücklich benannten Nachhaltigkeitsmaßnahmen unterschieden.

Wir sprechen hier also nicht von fehlender Aktivität, sondern fehlender strategischer Rahmung. Hervorzuheben ist, dass viele dieser Maßnahmen dabei einen doppelten Nutzen generieren. Sie tragen sowohl zur Reduktion ökologischer Belastungen als auch zur Senkung von Betriebskosten bei. Nachhaltige IT ist damit mehr als eine ökologische Initiative, sie ist auch Bestandteil eines modernen Effizienzmanagements.

Der Engpass liegt weniger in der Technik als in der Steuerung

Bei den genannten Hürden zeigt sich ein typisches Muster vieler Transformationsprozesse im Gesundheitswesen. Knappe finanzielle Restriktionen und Personalmangel gehören zu den häufigsten Herausforderungen. IT-Abteilungen arbeiten ohnehin unter hoher Auslastung und müssen gleichzeitig Digitalisierung, IT-Sicherheit und weitere regulatorische Anforderungen bewältigen. Das Thema wandert schließlich zwischen verschiedenen Zuständigkeiten wie IT, Nachhaltigkeitsmanagement und Geschäftsführung.

Interessant wird die Analyse zudem, wenn man Hürden und mögliche Hebel gemeinsam betrachtet. Insgesamt nennen 27 der befragten Häuser begrenzte finanzielle Mittel als zentrales Hindernis. Von diesen Einrichtungen verweisen wiederum 21 gleichzeitig auf Förderprogramme oder finanzielle Anreize als wichtigen Hebel für stärkere Aktivitäten im Bereich nachhaltiger IT.

Diese Fördermittelabhängigkeit ist mehr als eine banale Beobachtung. Sie verweist vor dem Hintergrund der generellen Finanzierungsherausforderungen der Krankenhäuser auf eine systemseitig bedingte Erwartungshaltung. Nachhaltige IT wird in vielen Häusern nicht über einen internen Business Case legitimiert, sondern über politische Programme, regulatorische Anforderungen oder externe Finanzierungsmöglichkeiten. Der Engpass liegt damit weniger in der technischen Umsetzungskompetenz als in der Einbettung in Budget-und Planungsprozessen.

Auffällig ist dabei, dass selbst Krankenhäuser ohne Implementierung gezielter Maßnahmen den Nutzen nachhaltiger IT meist nicht in Frage stellen und Kosten- und Umweltwirkungen erkennen. Das Problem ist also seltener die mangelnde Überzeugung als fehlende Umsetzbarkeit.

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Nachweisbare wirtschaftliche Vorteile spielen dabei eine zentrale Rolle, denn nachhaltige IT Projekte müssen zunehmend ihre Wirtschaftlichkeit belegen. Eine strukturierte Datenlage zu den ökologischen Auswirkungen kann hierbei unterstützen. Wer Energieverbräuche, CO2-Emissionen und Ressourceneinsätze valide erfassen und auswerten kann, schafft eine fundierte Entscheidungsgrundlage für Investitionen.

Gleichzeitig zeigt sich eine deutliche Lücke bei den Instrumenten zur Messung nachhaltiger IT. Nur drei der befragten Häuser nennen IT-gestütztes Nachhaltigkeitsmonitoring oder ESG-Reporting als konkrete Maßnahme. Demgegenüber wünschen sich zehn Einrichtungen bessere Datentransparenz über ökologische Auswirkungen. Organisationen wünschen sich also häufiger Daten über Nachhaltigkeit, verfügen jedoch noch selten über entsprechende Instrumente zur systematischen Erfassung. Diese Kombination weist auf offene Steuerungspotentiale hin.

Die vorliegenden Ergebnisse der Umfrage lassen vermuten, dass nachhaltige IT in Krankenhäusern nicht sprunghaft entsteht, sondern sich stufenweise entwickelt. In frühen Phasen spielen vor allem externe Impulse wie Förderprogramme, regulatorische Anforderungen oder Vorgaben der Leitungsebene eine Rolle. Sobald einzelne Maßnahmen umgesetzt werden, rücken wirtschaftliche Argumente und Effizienzgewinne stärker in den Vordergrund. Erst in weiter entwickelten Konstellationen entstehen Anforderungen an Datentransparenz, Erfahrungsaustausch und organisatorisches Lernen.

In diesem Zusammenhang gewinnt auch der Wissenstransfer zwischen den Einrichtungen an Bedeutung. 29 % der befragten Krankenhäuser nennen Kooperationen oder den Austausch von Best Practices als wichtigen Hebel für nachhaltige IT. Nachhaltige IT wird damit zunehmend zu einem Lernfeld, in dem Erfahrungen geteilt und Lösungen gemeinsam weiterentwickelt werden.

Nachhaltige IT wird vor allem wirtschaftlich interpretiert

Auch die Einschätzung des strategischen Beitrags nachhaltiger IT unterstreicht dieses Bild. Für die meisten Einrichtungen steht der wirtschaftliche Nutzen klar im Vordergrund. Nachhaltige IT wird vor allem als Instrument zur Kostensenkung und Effizienzsteigerung verstanden.

Nachhaltige IT wird damit weniger als normatives Projekt interpretiert, sondern als Bestandteil eines modernen Effizienz- und Risikomanagements. Bemerkenswert ist zudem die Einschätzung zum ökologischen Pendant. Über zwei Drittel der Befragten sehen einen klaren Beitrag zum Umweltschutz. Damit wird deutlich, welches Potenzial im Thema nachhaltige IT steckt. Und genau dieses Potenzial wird vielerorts noch nicht strategisch genutzt.

Vier typische Muster nachhaltiger Krankenhaus-IT

Die Antworten lassen sich schließlich in vier typische Handlungsmuster einordnen.

  • Ein Teil der Krankenhäuser verfügt derzeit über kaum strukturelle Kapazitäten für zusätzliche Nachhaltigkeitsinitiativen. Hier dominieren finanzielle Engpässe und Personalmangel. Nachhaltigkeit in der Krankenhaus-IT erscheint vor allem als weiteres Ressourcenproblem.
  • Eine zweite Gruppe arbeitet stark technisch orientiert. Nachhaltigkeit wird über Energieeffizienz, Virtualisierung oder Infrastrukturmodernisierung umgesetzt.
  • Die größte Gruppe verfolgt pragmatische Einzelmaßnahmen ohne übergeordnetes Nachhaltigkeitskonzept. Nachhaltige IT entsteht hier häufig als Nebenprodukt von Digitalisierung oder Infrastrukturmodernisierung.
  • Schließlich existiert eine kleine Gruppe von Vorreitern, die nachhaltige IT bereits systematisch in ihre Organisationsstrategie integrieren und mehrere Maßnahmen miteinander verbinden.

Diese Typologie zeigt, dass es weniger um Zustimmung oder Ablehnung zur Umsetzung nachhaltgier Krankenhaus-IT geht als um unterschiedliche organisatorische Einbindung.

Zwischen Serverraum und Vorstandsetage

Die Ergebnisse der Umfrage zeichnen kein Bild einer Branche im Stillstand. Vielmehr zeigen sie eine Branche im Übergang.

Nachhaltige IT wird in vielen Krankenhäusern bereits umgesetzt. Energieeffizienz, Infrastrukturmodernisierung und Prozessdigitalisierung sind in zahlreichen Krankenhäusern Realität. Was häufig fehlt, ist die systematische Verbindung dieser Maßnahmen mit Zielen, Kennzahlen und Investitionsentscheidungen.

Diese Beobachtung unterstreicht ein weiterer Befund der Umfrage. Während die Befragten bei konkreten Maßnahmen sehr präzise antworten, bleiben Antworten zu strategischen Fragen deutlich vager oder werden teilweise gar nicht gegeben. Auffällig ist, dass gerade in der Gruppe mit einzelnen Maßnahmen überdurchschnittlich viele Antworten auf Fragen nach Hebeln, Nutzen und Einordnung ausbleiben. Viele Häuser können offenbar benennen, was sie tun – aber noch nicht, wie sie diese Aktivitäten organisatorisch einordnen oder begründen.

Diese Sprachlosigkeit bei übergeordneten Fragen deutet darauf hin, dass viele IT-Abteilungen zwar operativ klar handeln, ihre Aktivitäten aber noch nicht in eine übergreifende organisatorische Perspektive einordnen.

Solange nachhaltige IT nicht fest in Governance-, Controlling- und Planungsprozesse integriert ist, bleibt sie ein Effizienzprojekt mit begrenzter Hebelwirkung. Nachhaltige Krankenhaus-IT ist somit kein Umsetzungsproblem, sondern ein Übersetzungsproblem. Die Technik ist vorhanden. Viele Maßnahmen laufen bereits. Was häufig fehlt, ist die strategische Klammer, die Messung und ein klar formulierter interner Business Case.

Die nächste Entwicklungsstufe nachhaltiger Krankenhaus-IT wird daher nicht im Serverraum entschieden – sondern in der Strategie- und Investitionsplanung der Häuser.

Sechs zentrale Erkenntnisse der Umfrage:

1. Nachhaltige IT besteht meist aus Einzelmaßnahmen, ohne ausdrücklich als Nachhaltigkeit benannt zu werden.
2. Finanzielle und personelle Ressourcen sind der größte Engpass.
3. Förderprogramme und finanzielle Anreize werden als der wichtigste Hebel für zusätzliche Aktivitäten gesehen.
4. Die meisten Aktivitäten entstehen aus Effizienz- und Modernisierungsprojekten der IT.
5. Gleichzeitig fehlt es häufig an Instrumenten, um ökologische Effekte der IT systematisch zu messen und sichtbar zu machen.
6. Je weiter Organisationen sind, desto stärker werden Daten, Austausch und Lernprozesse relevant.

Die Umfrage wurde durchgeführt im Rahmen des Vorhabens „Kooperative Forschung und Entwicklung im Rahmen des KAT-Netzwerkes an der Hochschule Merseburg: KAT@HoMe.“ Das Projekt wurde finanziert durch Mittel der Europäischen Union und des Landes Sachsen-Anhalt.

Julius Winterhalter(Bild:  Jenny Stadthaus)
Julius Winterhalter
(Bild: Jenny Stadthaus)

Die Autoren:

Julius Winterhalter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Merseburg (im KAT Projekt) für Sustainable Finance und Referent für Nachhaltigkeit/Klimaschutz bei der DKTIG.

René Schubert(Bild:  Jenny Stadthaus)
René Schubert
(Bild: Jenny Stadthaus)

René Schubert blickt auf über 32 Jahre Erfahrungen im deutschen Gesundheitswesen zurück. Der der studierte Diplomkaufmann ist seit 2015 Geschäftsführer der DKTIG.

Ronny Gebhardt(Bild:  Ronny Gebhardt)
Ronny Gebhardt
(Bild: Ronny Gebhardt)

Ronny Gebhardt ist Professor für Allgemeine BWL und externes Rechnungswesen an der Hochschule Merseburg und Inhaber des Instituts für Rechnungslegung.

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