Jederzeit zugängliche Expertise Kein Ärztemangel, sondern Probleme bei der Verteilung

Ein Gastbeitrag von PD Dr. Nora Sommer 6 min Lesedauer

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Deutschland hat genügend Mediziner. Sie stehen nur meist zur falschen Zeit oder am falschen Ort zur Verfügung. Wir brauchen also nicht zwingend mehr Ärzte, sondern vor allem einen besseren Zugang zu ihrer Expertise.

Für Dr. Nora Sommer besteht ein Hebel für mehr Effizienz im Gesundheitswesen darin, den Ort der Befundung vom Ort des Patienten zu trennen.(©  greenbutterfly - stock.adobe.com)
Für Dr. Nora Sommer besteht ein Hebel für mehr Effizienz im Gesundheitswesen darin, den Ort der Befundung vom Ort des Patienten zu trennen.
(© greenbutterfly - stock.adobe.com)

Der Ärztemangel gilt seit Jahren als eine der größten Herausforderungen des deutschen Gesundheitswesens. Die verfügbaren Daten zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild: Das Problem liegt weniger in der absoluten Zahl der Mediziner als vielmehr in ihrer räumlichen und zeitlichen Verfügbarkeit. Ein Blick in die Statistik zeigt die Dimension:

  • Nach Eurostat-Daten gehörte die Bundesrepublik zuletzt zu den europäischen Spitzenreitern bei der Zahl der Ärztinnen und Ärzte pro Einwohner. Im Jahr 2021 – neuere Zahlen liegen nicht vor – kamen hierzulande 453 Ärztinnen und Ärzte auf 100.000 Einwohner. Übertroffen wird dies nur von Österreich mit 541.
  • Die Gesamtzahl der berufstätigen Mediziner wächst kontinuierlich. Laut Bundesärztekammer stieg sie 2025 erneut um rund zwei Prozent. Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung betrifft dieses Wachstum nahezu alle Fachrichtungen.

Zweifellos werden die bevorstehenden Renteneintritte der Babyboomer-Generation die Versorgung belasten. Dennoch steht Deutschland im internationalen Vergleich weiterhin relativ gut da. Deutlich mehr Mediziner werden auf absehbare Zeit ohnehin nicht zur Verfügung stehen. Zum einen dauert es Jahre, sie auszubilden. Zum anderen ist dieser Weg angesichts des GKV-Sparpakets wenig realistisch. Kliniken sehen eher die Gefahr, massiv Stellen beim medizinischen Personal abbauen zu müssen. Die Kernfrage lautet daher nicht, wie wir mehr Mediziner ins System bekommen, sondern wie wir vorhandene Expertise besser verfügbar machen können, etwa über digitale Möglichkeiten und weitere innovative Ansätze.

Zwei wichtige Gründe für den Engpass

Um diese Kernfrage zu beantworten, lohnt ein Blick auf zwei wichtige Ursachen für Personalengpässe. Erstens sind Ärztinnen und Ärzte häufig nicht dort tätig, wo sie dringend gebraucht werden. Besonders ländliche Regionen leiden darunter. Doch auch innerhalb des stationären Sektors zeigen sich erhebliche Unterschiede: Während manche Häuser über ausreichende personelle Ressourcen verfügen, kämpfen andere dauerhaft mit Unterbesetzung.

Zweitens sinkt die durchschnittlich verfügbare Arbeitszeit. Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen – von 15 Prozent im Jahr 2014 auf 28 Prozent im Jahr 2024.

Ins Zentrum rückt damit die Aufgabe, bestehende medizinische Ressourcen besser nutzbar zu machen. Digitale Vernetzung bietet hierfür einen vielversprechenden Ansatz. Sie kann räumliche Grenzen überwinden und ärztliche Expertise unabhängig vom Standort verfügbar machen. Gleichzeitig schaffen digitale Arbeitsmodelle neue Möglichkeiten für flexiblere Beschäftigungsformen – bis hin zum Homeoffice.

Radiologie als Lösungsbeispiel

Die Radiologie ist ein gutes Beispiel dafür, was heute bereits möglich ist. Alle relevanten Patientendaten liegen digital vor und eignen sich deshalb hervorragend für eine standortübergreifende Zusammenarbeit. Steht eine digitale Plattform zur Verfügung, auf der sich Schnittbilder, Patienteninformationen und Befunde ohne Aufwand zugänglich machen lassen, ist es nahezu unerheblich, wo der befundende Radiologe verortet ist – ob im Homeoffice, bei einem teleradiologischen Service oder in einer Klinik am anderen Ende der Stadt.

Moderne Softwarelösungen setzen dies bereits um. Sie verbinden Standorte in einer gemeinsamen digitalen Arbeitsumgebung, auf der alle Beteiligten dieselbe Worklist nutzen und Befundungen flexibel teilen können. Dadurch lassen sich Lastspitzen ausgleichen, Spezialexpertise zwischen Standorten verfügbar machen und Kapazitäten effizienter einsetzen. Studien zeigen, dass Kliniken auf diese Weise bis zu 30 Prozent an Dienstkosten sparen können, unter anderem weil sich Personal standortübergreifend einsetzen lässt.

Das Problem der heterogenen IT-Landschaften lässt sich über eine webbasierte Architektur lösen. Auf diese Weise entfallen lokale Installationen, der Wartungsaufwand sinkt deutlich.

Ein Beispiel, wie diese Vernetzung in der Praxis aussehen kann, liefert das jüngst gestartete Lungenkrebs-Screening. Seit April 2026 erstatten alle Krankenkassen die Früherkennung per CT für starke Raucher und Raucherinnen ab 50 Jahren. Die Qualitätsanforderungen sind bewusst hoch gesetzt. Die Früherkennung dürfen nur Fachärzte und Fachärztinnen für Radiologie durchführen, die besondere Voraussetzungen erfüllen – unter anderem müssen sie im Jahr vor dem Screening mindestens 200 Thorax-CTs durchgeführt haben. Ist ein Befund kontroll- oder abklärungsbedürftig, muss ein weiterer Radiologe eines auf Lungenkrebs spezialisierten Zentrums hinzugezogen werden.

Genau diese Expertise ist jedoch rar gesät, so dass es sinnvoll ist, sie digital zugänglich zu machen. Mit den München Kliniken, der Lungenklinik Gauting und vielen weiteren Kliniken und Klinikgruppen in Deutschland setzen wir derzeit ein entsprechendes Angebot um. Die Software dient in diesen Fällen der Verknüpfung des stationären mit dem ambulanten Sektor. Niedergelassene Radiologen erhalten einen direkten Kanal zur Zweitbefundung. Sie müssen nicht mehr nach geeigneten Lungenzentren suchen, Bildmaterial verschicken und Termine für gemeinsame Konsultationen abstimmen. Die Vernetzung lässt sich rasch umsetzen, die sektorübergreifende Versorgung kann innerhalb von vier Wochen starten.

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Vernetzung über die Radiologie hinaus

Die Radiologie ist jedoch nur ein Beispiel. Das Grundprinzip lässt sich auf zahlreiche weitere medizinische Bereiche übertragen. Seit 2023 etwa gibt es im KRH Klinikum Region Hannover das Projekt Teleintensivmedizin. Die Intensivstationen stehen vor der Herausforderung, dass sehr komplexe Krankheitsbilder zu behandeln sind, aber qualifizierte Fachkräfte nicht immer direkt vor Ort zur Verfügung stehen. Die telemedizinische Vernetzung soll den fachlichen Austausch zwischen den intensivmedizinischen Abteilungen der verschiedenen Standorte ermöglichen. Ärzte und Pflegefachkräfte können in Echtzeit über verschiedene Einsatzorte hinweg Befunde und Maßnahmen besprechen. Bis 2030 soll die Anwendung jeder KRH-Klinik rund um die Uhr zur Verfügung stehen.

Gleichzeitig ermöglicht die Vernetzung neue Arbeitsmodelle. Sie sind gerade vor dem Hintergrund der steigenden Zahl von Teilzeitkräften wichtig, denn eine wichtige Ursache sind Mütter oder Väter, die ihre Kinder betreuen müssen. Ihre Zeit ist ohnehin knapp bemessen. Wenn sie lange Wege zum Arbeitsplatz zurücklegen müssen, sinkt die verfügbare Arbeitszeit weiter. Eine Lösung kann Homeoffice sein. Für Radiologinnen und Radiologen ist dies über digitale Plattformen bereits gut möglich. Aber auch in anderen Fachbereichen bietet die Vernetzung mehr Chancen als viele annehmen.

Der Allgemeinmediziner Bahman Afzali vom MVZ Bedburg etwa sagte jüngst der Ärztezeitung, dass bis zu 40 Prozent seiner Tätigkeiten von Zuhause aus machbar wären. Den persönlichen Patientenkontakt hält er zwar nach wie vor für entscheidend. Aber ein erheblicher Teil seiner Arbeitszeit findet nicht in der unmittelbaren Interaktion statt. Dazu zählen unter anderem die Auswertung von Befunden, die Dokumentation, das Medikationsmanagement sowie die Koordination komplexer Behandlungsverläufe, aber auch Video-Konsultationen für bestehende Patienten.

Solche Modelle sind weit mehr als eine Verbesserung der Work-Life-Balance. Sie können ärztliche Expertise dorthin bringen, wo sie zunehmend Mangelware wird – etwa in ländliche Räume. Medizinische Versorgungszentren jenseits der Ballungsgebiete würden für Ärzte wieder attraktiver, weil sie nicht zwingend vor Ort wohnen müssen oder täglich lange Anfahrtswege in Kauf nehmen müssten.

Grenzen der Vernetzung

Trotz des großen Potenzials: Nicht jede ärztliche Tätigkeit lässt sich ortsunabhängig erbringen. In der Radiologie müssen Geräte betrieben und Patienten vor Ort betreut werden. Chirurgische Eingriffe erfordern weiterhin qualifizierte Teams am Operationstisch. Ebenso ist die persönliche Untersuchung insbesondere bei unbekannten Patienten häufig unverzichtbar. Digitale Lösungen ersetzen daher nicht den Arzt vor Ort. Sie erweitern vielmehr dessen Möglichkeiten und sorgen dafür, dass Spezialwissen dort verfügbar wird, wo es gebraucht wird.

Fazit

Bestehen bleibt dennoch: Wenn wir weiter nur den Ärztemangel thematisieren und nicht auch das Verteilungsproblem adressieren, werden wir die Herausforderungen in der Versorgung nicht bewältigen – vor allem nicht vor dem Hintergrund des aktuellen Kostendrucks. Denn die Lösung liegt nicht ausschließlich in der Ausbildung zusätzlicher Mediziner. Viel entscheidender wird sein, vorhandene Expertise deutlich breiter zur Verfügung zu stellen. Wir müssen Wege finden, den Ort der Befundung vom Ort des Patienten zu trennen. Die Technologie dafür ist vorhanden, die ersten Praxisbelege liegen vor. Nun geht es darum, diese Ansätze auf breiter Front umzusetzen.

Über die Autorin
PD Dr. Nora Sommer ist Fachärztin für Radiologie und Mitgründerin von Raya Diagnostics. Das Unternehmen unterstützt radiologische Einrichtungen mit dem Ziel, eine exzellente, flächendeckende radiologische Diagnostik in ganz Deutschland sicherzustellen. Zuvor war Sie über zehn Jahre an der Ludwigs-Maximilian-Universitätsklinik tätig.

Bildquelle: Raya Diagnostics

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