Künstliche Intelligenz KI-Agenten vernetzen Behandlungswege

Ein Gastbeitrag von Martin Kraft 6 min Lesedauer

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Dem deutschen Gesundheitssektor fehlt es nicht an digitalen Kanälen – ihm fehlt es an vernetzten Versorgungswegen. Wie künstliche Intelligenz und KI-Agenten hier ins Spiel kommen, erläutert Gastautor Martin Kraft von DRUID AI.

Dank KI und KI-Agenten sollen Patienten das Gefühl bekommen, mit einer vernetzten Organisation zu interagieren.(Bild:  Gemini / KI-generiert)
Dank KI und KI-Agenten sollen Patienten das Gefühl bekommen, mit einer vernetzten Organisation zu interagieren.
(Bild: Gemini / KI-generiert)

Deutschland hat in den vergangenen Jahren erhebliche Investitionen in die Digitalisierung des Gesundheitswesens getätigt, um die Versorgung der Patienten zu verbessern. Dennoch müssen viele von ihnen weiterhin dieselben Informationen wiederholen, wenn sie zwischen Telefon, E-Mail, der elektronischen Patientenakte (ePA) und Kliniken wechseln. Technisch gesehen funktioniert jedes System für sich, doch aus Sicht der Patienten scheitert die Erfahrung dennoch, weil die einzelnen Wege nicht ineinandergreifen und derselbe Vorgang häufig von vorne beginnt.

Gesundheitsdienstleister sind sehr gut darin geworden, digitale Kontaktpunkte zu schaffen, aber deutlich weniger gut darin, diese miteinander zu verbinden. Mit der Einführung jeder neuen Technologie wollen sie das digitale Angebot verbessern, schaffen in der Praxis aber oft nur stärker fragmentierte Behandlungswege. Das Problem liegt nicht darin, dass die Technologie nicht funktioniert, sondern darin, dass der Behandlungsweg der Patienten komplexer und unübersichtlicher geworden ist.

Der digitalen Fragmentierung entgegenwirken

Ein Großteil der Diskussion über den Einsatz von KI im Gesundheitswesen dreht sich um klinische Entscheidungsunterstützung, Dokumentation oder administrative Effizienz. Diese Themen sind zwar wichtig, doch dabei gerät ein grundlegendes operatives Problem aus dem Blick: Patienten nehmen das Gesundheitswesen nicht als eine Reihe einzelner Systeme wahr – sie erleben es als einen zusammenhängenden, sehr persönlichen Weg.

Patienten erwarten, dass jede Interaktion auf der vorherigen aufbaut. Gesundheitsdienstleister sind jedoch nach getrennten Abteilungen, Systemen und Kommunikationskanälen organisiert, die für sich genommen zuverlässig funktionieren, aber nur selten als Teil eines vernetzten Behandlungswegs. So entsteht digitale Fragmentierung, die den administrativen Aufwand erhöht, Patienten frustriert und den Teams im direkten Patientenkontakt unnötige Arbeit macht. Genau hier setzt die Politik an: Die Digitalisierungsstrategie Gemeinsam Digital 2026, welche die damalige Bundesgesundheitsministerin Nina Warken im Februar 2026 vorgestellt hat, rückt KI als Mittel zur Entlastung der Verwaltung und zur Steigerung der operativen Effizienz in den Vordergrund. Zugleich macht sie Interoperabilität und die Integration bestehender Systeme zur zentralen Voraussetzung.

In Deutschland sind mit der ePA, dem E-Rezept und der Telematikinfrastruktur zentrale Bausteine bereits vorhanden. Ihren Nutzen entfalten sie jedoch erst, wenn die Abläufe über sie hinweg zusammenspielen. Basieren Sprachkanäle, Fachverfahren und die ePA auf unterschiedlichen Prozessen, müssen Mitarbeitende Arbeitsschritte doppelt ausführen, Informationen erneut erfassen und vermeidbare Folgeanfragen bearbeiten. In der Folge steigt das Anfragevolumen, weil Patienten nicht erkennen können, was gerade geschieht, während zugleich Mitarbeitende Zeit verlieren, da sie zwischen Systemen wechseln, um den Zusammenhang zu rekonstruieren. Auch die Anforderungen an die Governance wachsen, weil jeder Kanal eigene Regeln, Antworten und Eskalationswege mit sich bringt.

Wie groß der Abstand zwischen Verfügbarkeit und tatsächlicher Nutzung ist, zeigt die ePA selbst. Seit Oktober 2025 sind Praxen, Kliniken und Apotheken verpflichtet, sie zu befüllen. Nach Angaben der gematik, der nationalen Agentur für digitale Medizin, haben die Krankenkassen rund 73 Millionen Akten angelegt und bereits mehr als 100 Millionen Dokumente sind hinterlegt. Den direkten Zugang über die App haben aber erst wenige Versicherte, registriert sind rund 5,1 Millionen GesundheitsIDs.

Wie weit der Weg noch ist, zeigt das Ziel der Digitalisierungsstrategie, bis 2030 rund 20 Millionen Versicherte zur aktiven Nutzung zu bewegen. Die Aktensysteme selbst sind laut gematik zu rund 99,9 Prozent verfügbar. Auftretende Beeinträchtigungen führt sie nicht auf die ePA zurück, sondern auf das komplexe Zusammenspiel der Telematikinfrastruktur – mehr Betriebsstabilität gilt ihr daher als zentrales Ziel des Umbaus zur TI 2.0.

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Mit dem Gesetzentwurf für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG), den das Bundeskabinett im Juli 2026 beschlossen hat, soll die ePA zum zentralen Zugang zur Versorgung werden. Der Entwurf bündelt zahlreiche Digitalisierungsvorhaben und sieht vor, dass digitale Ersteinschätzung, Terminvermittlung und elektronische Überweisung künftig über die ePA zusammenlaufen. Das gelingt aber nur, wenn diese Dienste als ein Vorgang zusammenwirken und nicht als weitere Einzelbausteine.

Wie sich die digitale Fragmentierung im Gesundheitswesen überwinden lässt

Die Diskussion über den Einsatz von KI-Agenten im Gesundheitswesen muss reifer werden. Zu viel Aufmerksamkeit gilt der Frage, wie sich einzelne Kanäle um KI-Funktionen erweitern und schrittweise verbessern lassen. So entsteht am Ende nur ein weiterer Technologie-Layer, der separat verwaltet, gesteuert und gewartet werden muss.

Der Einsatz von KI-Agenten im Gesundheitswesen sollte das Problem der digitalen Fragmentierung lösen, und nicht dazu beitragen. Anstatt Sprach-, Digital- und operative Workflows als getrennte Projekte zu behandeln, sollten Gesundheitsdienstleister daran arbeiten zu verstehen, wie jede Patienteninteraktion derselben Geschäftslogik folgen kann – unabhängig davon, wo sie beginnt. Dieser Perspektiven- und Einstellungswechsel gegenüber dem Einsatz von KI-Agenten verändert die Rolle von KI grundlegend.

KI-Agenten werden zur operativen Schicht, die den Behandlungsweg zusammenhält, unabhängig davon, in welchem System oder Kanal eine Interaktion beginnt. Sie arbeiten über Terminsysteme, Patientenakten, Überweisungswege und Kommunikationsplattformen hinweg. Jede Interaktion wird Teil eines vernetzten Ablaufs, anstatt eine weitere isolierte Interaktion mit einem internen System zu sein.

Wichtig ist, dass dieser Wandel Organisationen nicht dazu zwingt, bestehende Technologien, auf die sie angewiesen sind, vollständig zu ersetzen. Die Chance liegt darin, diese vorhandenen Systeme miteinander zu verbinden – über einen KI-Agenten, der die Abläufe im Gesundheitswesen, die klinische Terminologie und die Governance-Anforderungen versteht, sodass jede Interaktion derselben Geschäftslogik folgt.

Datenschutz, Schweigepflicht und der EU AI Act

Im deutschen Gesundheitswesen steht am Anfang jeder Digitalisierung die Frage nach dem Rechtsrahmen. Gesundheitsdaten sind nach der DSGVO besonders geschützt, hinzu kommt die ärztliche Schweigepflicht nach § 203 StGB. Mit dem EU AI Act gibt es eine weitere regulatorische Ebene, die einem risikobasierten Ansatz folgt. Patientennahe Assistenten, die bei Terminen oder allgemeinen Fragen unterstützen, gelten meist als begrenztes Risiko und müssen vor allem transparent machen, dass Patienten mit einer KI sprechen. Systeme, die in medizinische Entscheidungen eingreifen, können dagegen als Hochrisiko gelten und verlangen dann eine belastbare menschliche Aufsicht.

Für Gesundheitsdienstleister ist das kein Argument, das gegen KI-Agenten spricht, sondern eines für einen bestimmten Aufbau. Eine solche orchestrierende Ebene kann dabei helfen, einheitliche Regeln anzuwenden, Interaktionen nachvollziehbar zu dokumentieren und die menschliche Aufsicht gezielt einzubinden. Governance wird so vom Hindernis zu einem festen Bestandteil der Abläufe.

Die Zukunft gehört vernetzten Gesundheitsorganisationen

Die Einführung von KI-Agenten, die von Grund auf speziell für die Abläufe von Gesundheitsdienstleistern trainiert wurden, sollte die von ihnen angebotenen Leistungen stärken, statt die Komplexität weiter zu erhöhen.

Einige Gesundheitsdienstleister zeigen bereits, wie dies aussehen kann, indem sie KI-Agenten einsetzen, um den Patientenzugang über mehrere Kanäle hinweg zu orchestrieren, das Terminmanagement zu verbessern und den Druck auf die Teams im direkten Patientenkontakt zu verringern – ohne die Systeme zu ersetzen, denen sie bereits vertrauen. In regulierten Branchen bearbeiten die Agenten dabei einen Großteil der Anfragen eigenständig. Laut DRUIDs 2026 AI Adoption Benchmark Report blieben im Gesundheitswesen 87 Prozent der erfassten Sprach- und Chat-Interaktionen innerhalb des KI-Systems, während 13 Prozent an Mitarbeitende weitergeleitet wurden.

Patienten beurteilen Gesundheitsdienstleister nicht nach der Qualität ihrer technischen Ausstattung, sondern danach, wie persönlich die Betreuung ist und ob sich jede Interaktion so anfühlt, als käme sie aus ein und derselben Organisation. In den kommenden Jahren wird sich der erfolgreiche Einsatz von KI im Gesundheitswesen nicht daran bemessen, wie viele KI-Tools ein Anbieter einführt, sondern daran, ob Patienten das Gefühl haben, mit einer vernetzten Organisation zu interagieren – oder mit einer Ansammlung nicht miteinander verbundener Systeme.

Der Autor
Martin Kraft, Managing Director Germany & EMEA, DRUID AI

Bildquelle: DRUID AI

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