Vom Silo zum echten Dialog Wie KI die Kundenansprache im Pharma-Sektor verbessert

Von Chris Moore 5 min Lesedauer

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Fragmentierte Botschaften überfordern Life-Sciences-Fachkreise. Das „Agentic Commercial“-Modell kann Abhilfe schaffen, indem es KI-Agenten, Außendienst und digitale Inhalte verbindet.

Im Agentic-Commercial-Modell übernehmen Agenten wiederkehrende, datenintensive Aufgaben, während der Mensch seine fachliche Expertise sinnvoll einsetzen kann.(Bild: ©  ipopba - stock.adobe.com)
Im Agentic-Commercial-Modell übernehmen Agenten wiederkehrende, datenintensive Aufgaben, während der Mensch seine fachliche Expertise sinnvoll einsetzen kann.
(Bild: © ipopba - stock.adobe.com)

Medizinische Fachkräfte (Healthcare Professionals, HCPs) stehen heute unter enormem Zeitdruck – und werden gleichzeitig mit Informationen aus unterschiedlichsten Kanälen überhäuft. Die Kundenansprache – das sogenannte Commercial Engagement – in der Life-Sciences-Branche verlief lange Zeit relativ geradlinig: Im Mittelpunkt stand das direkte Gespräch zwischen Außendienst und HCPs. Mit der zunehmenden Spezialisierung der Therapiegebiete erstreckt sich die Interaktion heute jedoch über unterschiedlichste Rollen. Ob Gebietsleitung, Key Account Management, Medical Science Liaisons (MSLs) oder Brand-Marketing und Service-Teams: Allzu oft agieren diese Abteilungen noch in isolierten Silos. Für Ärztinnen und Ärzte entsteht dadurch eine fragmentierte, zeitraubende Erfahrung. Dabei erwarten sie längst das Gegenteil: einen nahtlosen, intelligenten Dialog, der an jedem Touchpoint genau da anknüpft, wo das letzte Gespräch aufgehört hat, um ihr Fachwissen zielgerichtet zu vertiefen.

Gleichzeitig hat sich die Kundenlandschaft massiv erweitert. Sie umfasst heute komplexe Netzwerke aus HCPs, Patientinnen und Patienten, Gesundheitssystemen und Verwaltungsmitarbeitenden. Viele von ihnen schränken den direkten Austausch mit Biopharmaunternehmen ein und nutzen stattdessen KI, um Entscheidungen zu treffen. Angesichts dieser klinischen Komplexität und des begrenzten Zugangs zu HCPs setzen Biopharmaunternehmen verstärkt auf agilere, kundenzentrierte Geschäftsmodelle.

Um diesen gestiegenen Erwartungen gerecht zu werden, implementieren verschiedene Unternehmen der Branche bereits ein „Agentic Commercial“-Modell. Dieser Ansatz verzahnt KI, Außendienstteams, digitale Kundenansprache und freigegebene Inhalte, um HCPs ein kontinuierliches, personalisiertes Erlebnis zu bieten. Agentenbasierte Funktionen, die direkt in die branchenspezifischen Anwendungen integriert sind, ermöglichen es den Teams, qualitative Praxiserkenntnisse (Real-World Insights) zu erfassen, Behandlungsbarrieren zu identifizieren und verlässliche Antworten zu liefern. Zudem stellen sie dynamische Inhalte für menschliche und KI-gesteuerte Interaktionen bereit. Das Ergebnis: ein relevanteres Commercial Engagement, besser informierte HCPs und – letztlich – ein schnellerer Zugang zu den passenden Medikamenten für Patientinnen und Patienten.

Außendienst: Narrative Einblicke in Echtzeit erfassen

Durch den Agentic-Commercial-Ansatz werden Außendienst-Teams zu strategischen Wissenslieferanten für das gesamte Unternehmen. Das CRM bleibt dabei nicht länger eine reine Kontaktdatenbank (System of Record), sondern wird im Praxisalltag zum proaktiven Lotsen (System of Guidance).

Außendienstmitarbeitende führen täglich hochdifferenzierte Gespräche mit HCPs. Herkömmliche Reporting-Systeme beschränken die Dokumentation dieser Erkenntnisse jedoch meist auf starre Auswahllisten und Dropdown-Menüs. Der entscheidende qualitative Kontext – etwa das „Warum“ hinter der Entscheidung eines Arztes bzw. einer Ärztin oder spezifische lokale Zugangsbarrieren – geht dabei häufig verloren.

Hier setzt ein agentenbasiertes Call-Reporting an: Es nutzt Sprach- und Freitextfunktionen gepaart mit integrierten Compliance-Prüfungen. So kann der Außendienst weitaus detailliertere Informationen aus HCP-Gesprächen rechtssicher erfassen. Aus diesen Interaktionen entsteht „Commercial Evidence“ – handlungsorientierte Praxiserkenntnisse, die wertvolle Aufschlüsse über Absichten, inhaltliche Lücken und Behandlungsbarrieren geben, mit denen HCPs sowie Patientinnen und Patienten im Alltag konfrontiert sind.

Führungskräfte im Commercial-Bereich erhalten dadurch sofortige Einblicke in reale Reibungspunkte. Erste Implementierungen zeigen, dass fast zwei Drittel (65 Prozent) der agentenbasierten Besuchsberichte konkrete Behandlungsbarrieren identifizieren. Auf dieser Basis können Außendienstteams sowie medizinische Spezialistinnen und Spezialisten weitaus präziser auf klinische Bedenken eingehen.

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Digitale Customer Experience: Von der statischen Navigation zu sofortigen Antworten

Außendienstteams bauen wertvolle persönliche Beziehungen auf, können aber nicht überall gleichzeitig sein. Digitale Kanäle wie Produkt-Websites oder E-Mails sollen diesen Dialog erweitern und schnelle Reaktionen auf drängende Fragen ermöglichen. In der Praxis müssen sich HCPs sowie Patientinnen und Patienten jedoch allzu oft durch unübersichtliche Websites oder seitenlange Dokumente navigieren, um die gesuchten Informationen zu finden.

Conversational AI verwandelt solche statischen digitalen Erlebnisse in dynamische Echtzeit-Konversationen. Durch den exklusiven Rückgriff auf Inhalte, die den strengen medizinischen, rechtlichen und regulatorischen Vorgaben (MLR) entsprechen, liefern KI-Agenten sofort verlässliche und konforme Antworten auf natürlichsprachlich formulierte Fragen.

Auch bei diesen Interaktionen wird wertvolle Commercial Evidence gewonnen. Statt starrer Klickzahlen offenbart die KI tiefere Einblicke: Wonach wurde gezielt gesucht? Wo gab es Verständnisprobleme? Welche Informationen blieben unauffindbar? Commercial-Teams schließen so Inhaltslücken, identifizieren Behandlungsbarrieren und veranlassen passgenaue Außendienst-Aktionen. Bereits acht der zehn weltweit führenden Biopharmaunternehmen setzen auf Conversational AI – und vervielfachen die Zahl hochwertiger Interaktionen (High-Value Actions) dadurch um das Siebenfache.

MLR-Prüfung: Von manueller Kontrolle zu wertschöpfender Arbeit

Eine kontinuierliche Kundenansprache erfordert einen stetigen Fluss an aktuellen, regelkonformen Inhalten. Angesichts weltweiter Ausgaben für Pharma-Content von jährlich 30 Milliarden US-Dollar und einem rasanten Anstieg der erstellten Assets um 29 Prozent pro Jahr stößt die manuelle Prüfung jedoch längst an ihre Kapazitätsgrenzen.

Im Agentic-Commercial-Modell ist es essenziell, die Markteinführungszeit von Inhalten radikal zu verkürzen. Agentenbasierte MLR-Lösungen fungieren hierbei als unermüdliche Expertenprüfer: Sie erfassen den inhaltlichen Kontext von Dokumenten, berücksichtigen spezifische lokale Vorschriften und führen präzise Prüfungen anhand freigegebener Fachinformationen (Labels), Claim-Bibliotheken und Marken-SOPs durch. Das entlastet die menschlichen Prüferinnen und Prüfer: Statt Zeile für Zeile Korrektur zu lesen, können sie sich auf die strategische, wertschöpfende Überprüfung konzentrieren.

Durch die deutlich beschleunigte Content-Freigabe bei gleichbleibend strenger Compliance können Commercial-Teams im Außendienst und auf digitalen Kanälen viel agiler auf Kundenanfragen reagieren. Das macht den gesamten Prozess immens kosteneffizient: Content-Verantwortliche gehen davon aus, dass bis 2028 rund 38 Prozent des MLR-Prozesses KI-gesteuert ablaufen werden. Das erklärte Ziel ist eine Reduzierung des manuellen Prüfaufwands um über 70 Prozent.

Agenten und Menschen arbeiten Hand in Hand

Ein Agentic-Commercial-Modell schafft eine Umgebung, in der KI und Commercial-Teams innerhalb derselben Anwendungen nahtlos zusammenarbeiten – vereint durch dieselben konformen Prozesse und strikten Governance-Richtlinien. Agentenbasierte Funktionen übernehmen dabei wiederkehrende, datenintensive Aufgaben. Der Mensch bringt hingegen seine wissenschaftliche Expertise, sein kritisches Urteilsvermögen, strategisches Denken und Empathie beim Beziehungsaufbau genau dort ein, wo sie den größten Unterschied machen.

Die intelligente Vernetzung von KI, menschlicher Expertise und digitalem Content schafft die Basis für eine völlig neue Dialogqualität. Wo Therapien immer komplexer werden und der Zugang zu Fachkreisen anspruchsvoller wird, erweist sich Agentic Commercial als Erfolgsfaktor. So verwandelt sich Commercial Engagement von einer Herausforderung in einen echten Mehrwert – für Biopharmaunternehmen, für Fachkreise und letztlich für die Patientinnen und Patienten.

Der Autor
Chris Moore ist President, Europe bei Veeva Systems, und verantwortet die regionale Strategie und das Wachstum in den Geschäftsbereichen Commercial, R&D und Data. Mit mehr als drei Jahrzehnten Branchenerfahrung begleitet er Biopharmaunternehmen bei der digitalen Transformation.

Bildquelle: Veeva Systems